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Tauchgang #19: Der zweite Pfeil




Unser Gehirn ist ein fantastischer Problemlöser! Nur, wenn es um emotionale Themen geht, wird es manchmal zu unserem eigenen Feind. Nicht mit großem Drama, sondern mit vielen leisen, anhänglichen Gedanken: „Was, wenn ich versage?“ oder „Warum habe ich das nicht besser gemacht?“ – und schon sind wir gefangen in einer Spirale, die uns Stress, Selbstzweifel und nicht selten auch körperliche Symptome beschert.


Wir leiden.


Die Parabel aus der buddhistischen Lehre von den zwei Pfeilen veranschaulicht sehr schön, wie wir zu Schöpfern unseres eigenen Leidens werden und wodurch es sich vom eigentlichen Schmerz und seinen Auslösern unterscheidet:





Der erste Pfeil steht für den Schmerz, den wir wahrnehmen. Der zweite Pfeil, der uns trifft, ist das Sinnbild unserer Bewertung, Gedanken, Gefühle und Emotionen, und unsere Ablehnung und unser Widerstand gegen den Schmerz des ersten Pfeils. Sie sind es, die unsere Schmerzempfindung verlängern, denn je stärker wir uns gegen sie wehren, desto anhänglicher und aufdringlicher werden sie (siehe Tauchgang #3).


Warum wir leiden

Auch wenn wir in unserer digitalen, gefühlsvermeidenden Welt dem Glauben verfallen, das unser Leben ein Dauerzustand aus Glück und Perfektion sein muss: Leben ist nicht ohne Schmerz. Wir haben nur verlernt, ihn als einen Teil davon zu akzeptieren. Wir sehen ihn als Fehler im System, eine Störung, die es schnell zu beheben und im schlimmsten Fall zu verdrängen gilt. Und dennoch ist Schmerz ein Gast am Tisch des Lebens, der nicht wegrationalisiert werden kann. Er will gesehen werden. Nicht weil wir das Leiden lieben oder herbeisehnen sollten, sondern vielmehr, weil es uns daran erinnert, dass wir lebendig sind. Was wäre, wenn wir ihn als Teil unserer Menschlichkeit willkommen heißen, und mit ihm unsere Fähigkeit, Schmerz zu überwinden?


Die Illusion eines schmerzfreien Lebens ist vielleicht der größte Irrglauben unserer modernen Zeit. Die Erkenntnis aus der Parabel ist entscheidend für dessen Auflösung: unser eigentliches Leiden entsteht nicht durch die Situation, das Ereignis oder den Schmerz selbst. Es entsteht durch unsere Reaktion darauf.


Ein Aspekt aus Gehirnforschung und Neurowissenschaft ist dabei besonders interessant: Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen echtem oder eingebildetem Schmerz, und es macht keinen Unterschied, ob wir uns den Fuß brechen oder jemand anderes unser Herz. Es empfindet z.B. auch sozialen Stress oder soziale Abgrenzung (z.B. Liebeskummer oder Mobbing) als für unser Überleben genauso bedrohlich wie körperliche Verletzungen. Beide Schmerzen werden im vorderen cingulären Cortex oder der Insula verarbeitet, den gleichen Hirnarealen, die für die emotionale und sensorische Dimension von Schmerz zuständig sind. Studien, wie z.B. die fMRT-Studie von Naomie Eisenberger, belegen auch, dass unser Körper mit denselben Stresssignalen, wie bspw. der Ausschüttung von Cortisol, erhöhter Herzfrequenz, und nicht selten missverstandene Entzündungsreaktionen, auf emotionalen Schmerz reagiert.


Ab hier übernimmt - wie immer bei Stress oder Unsicherheit - die Amygdala (unser Angstzentrum) das Kommando, während der präfrontale Cortex (unser rationaler Denkapparat) quasi abschaltet und nicht schnell genug in die Puschen kommt (siehe Tauchgang #5). Das Ergebnis? Unser Gehirn übersetzt Schmerz in Gefahr für unser Leib und Wohl und fängt an, zu rotieren. Wir grübeln in Dauerschleife, Überanalysieren, suchen nach Antworten. All das aktiviert unser Stresssystem nur noch weiter (siehe Tauchgang #4), bringt unseren Cortisolspiegel weiter zu steigen. Stress in Dauerschleife und Aktion!


Joseph Nguyen, Autor von Hör auf zu glauben, was du denkst, nennt das den Clown in deinem Kopf (siehe Tauchgang #11 und Tauchgang #6). Es ist dieser Teil von uns, der ständig Kommentare abgibt, Zweifel säht und uns wie in einem Käfig gefangen hält. Es ist der Teil von uns, der diesen zweite Pfeil abschießt und der das eigentliche Leiden verursacht. Und je öfter er das tut, desto mehr verstärkt es die neuronalen Pfade und die Gedankenflut, die uns weiter von der Realität davontreiben.


Der Notausgang

Es gibt (wie immer) Hoffnung. Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter hinein formbar; ein Prinzip, das Neurowissenschaftler Neuroplastizität nennen (siehe Tauchgang #1). Jedes Mal, wenn wir den zweiten Pfeil nicht abfeuern, ersetzen wir die eher hinderlichen neuronalen Pfade in unserem Gehirn durch neue, gesündere und unserer Vorstellung von Leben dienlicheren.


Pausen und Ruhe sind wie in vielen Stresssituationen ein verlässlicher Ausweg (siehe Tauchgang #15 und Tauchgang #10). Studien belegen z.B., dass schon 17 Minuten Entspannung nach 52 Minuten Konzentration den Cortisolspiegel senken und die Grübelspirale unterbrechen können.


Die Pause-Methode von Nguyen kann diesen Prozess nachhaltig unterstützen. Ihre Schritte sind praktikabel, universell, benötigen keine Tools, sind einfach und effektiv:


  • Schritt 1: Erkenne den Gedanken, ohne ihn zu verurteilen.

  • Schritt 2: Atme bewusst ein und aus. Schon drei tiefe Atemzüge unterbrechen den automatischen Gedankenfluss.

  • Schritt 3: Frage dich Brauche ich diesen Gedanken wirklich? 

    • Wenn nein, lass ihn los.

    • Wenn ja, tritt in Aktion in kleinen, machbaren Schritten, und handle ohne Grübeln.

 

Die Perle in der Muschel

Für unser wunderbares Gehirn ist Schmerz Schmerz. Seelische Wunden schmerzen uns deswegen genauso real wie ein Messerstich. Sie benötigen im Umkehrschluss auch ähnliche Bewältigungsstrategien wie körperlicher Schmerz: Achtsamkeit, Pause und allen voran Akzeptanz.


Der Weg runter von dem Karussell unserer Gedanken und unseres Leidens liegt darin, unsere Perspektive und unsere Haltung zu überdenken. Eine Schlüsselfrage, die wir uns stellen können, ist: Brauche ich diesen Gedanken wirklich? Was bringt es mir, an ihm festzuhalten? 


In dem wir den zweiten Pfeil erkennen, erlauben und ermächtigen wir uns, bewusster zu wählen, wofür wir unsere Energie einsetzen. So sehen wir bewusst Möglichkeiten, unser Leiden zu vermeiden oder mindestens zu minimieren und den Gitterstäben unseres Gedankenknasts im Kopf zu entkommen.


Schmerz ist unvermeidbar. Leiden ist es.

 

Wie Coaching unterstützen kann

Erkenntnis und Bewusstsein sind ein großartiger Anfang. Coaching kann uns darüber hinaus dabei helfen,

  • unsere typischen zweiten Pfeile und unsere inneren Anteile, die sie bevorzugt in unsere Richtung schleudern, zu identifizieren und

  • unsere Denkmuster zu benennen.

Das allein entzieht ihnen einen großen Teil der Macht, die sie über uns haben.


Im sicheren Raum einer Coaching-Sitzung üben wir auch,

  • in Echtzeit zu erkennen, wann und warum wir in die Spirale geraten,

  • wie wir mit einfachen Techniken (z. B. Atemübungen, Reflexionsfragen) unseren Autopiloten unterbrechen und

  • wie wir damit unser Gehirn nachhaltig umerziehen können, alternative Erzählungen über unseren Schmerz und unser Leiden zu finden.

Dadurch übersetzten wir unsere einzigartigen, individuelle Erkenntnisse in kleine, machbare und leicht in den Alltag integrierbare Aktionen.


Letzten Endes hat nicht jedes Gefängnis Gitter. Manche bestehen aus Gedanken.

 

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