Tauchgang #18: Gebrauchtes Glück
- Parthena Intze

- vor 8 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Empathie ist eine der am meisten bewunderten und am meisten missverstandenen menschlichen Fähigkeiten. Wenn uns jemand bitten würdee, eine zutiefst empathische Person zu beschreiben, würden wir uns wahrscheinlich jemanden vorstellen, der warmherzig, großzügig und intuitiv ist. Eine Person, die emotionale Strömungen lange vor allen anderen wahrnimmt. Und all das ist wahr. Aber es ist nicht die ganze Geschichte.
Empathie ist nicht nur eine nette Charaktereigenschaft. Es ist ein komplexer psychologischer, neurobiologischer und relationaler Prozess. Wenn wir seine Tiefe nicht verstehen, verstehen wir uns selbst falsch.
Was Empathie ist
Im Kern ist Empathie die Fähigkeit, sich mit Präsenz und Klarheit auf Menschen einzustimmen. Es ist die Fähigkeit, mit jemandem zu fühlen, nicht für ihn. Es bedeutet, sich für einen Moment an der Seite von jemandem zu schwimmen, der gerade in turbulenten Gewässern schwimmt. Nicht, um ihn zu retten, und nicht, um mit ihm zu ertrinken. Sondern, um ihm in seiner Tiefe zur Seite zu stehen, damit er sich nicht allein fühlt.
Die Psychologie beschreibt drei miteinander verflochtene Ebenen der Empathie:
Affektive Empathie: die emotionale Resonanz, die wir automatisch empfinden.
Kognitive Empathie: Verstehen, warum jemand fühlt, was er fühlt.
Mitfühlende Empathie: mit Fürsorge reagieren und dabei gesunde Grenzen wahren.
Klingt das nicht wunderbar altruistisch und bewundernswert? Das tut es! Und dennoch, Empathie ist zwar eine Superpower und ein Geschenk, verbraucht aber Unmengen an psychologischen und physiologischen Ressourcen. Unter der Oberfläche ihrer drei Ebenen befindet sich ein überraschend aufwendiges neurobiologisches System, das angetrieben wird von
dem Spiegelneuronennetzwerk, unserer emotionalen Antenne
(siehe Tauchgang #1)
den von Stephen Porges beschriebenen Prinzipien der Co-Regulation
(siehe Tauchgang #5)
der erhöhten Wachsamkeit der Amygdala
(siehe Tauchgang #4)
und dem inneren Kritiker, der zum Analysieren und Überlegen anregt
(siehe Tauchgang #11)
Im Angesicht dieser neurochemischen Komplexität ist es kein Wunder, dass für viele Empathen die eigentliche Herausforderung nicht darin besteht, zu viel zu fühlen. Sie besteht darin zu merken, wo und wann sie die Grenze ziehen müssen.
Wenn Empathie zur Belastung wird
Viele Empathen erreichen irgendwann einen Punkt, an dem sie merken, dass ihre Fürsorge nicht mehr mitfühlend ist, sondern sich wie eine Pflicht anfühlt. Ihre Fürsorge wird zu emotionaler Arbeit. Ihre Intuition wird zu Hypervigilanz, und ihr Wunsch zu helfen verwandelt sich in eine unbewusste Überlebensstrategie. Willkommen zum ersten Erwachen des Empathen: dem Moment, in dem er erkennt, dass die Eigenschaft, auf die er sich all die Jahre verlassen hat, um sich verbunden, zugehörig und sicher zu fühlen, ihn zu erschöpfen beginnt.
Carl Jung würde dies als den Moment beschreiben, in dem der Schatten durchbricht. Die lange unterdrückten Teile des Selbst, z. B. Wut, Handlungsfähigkeit, Grenzen, Selbstschutz, die als Empathie getarnt waren, kommen nach Jahren der Verbannung an die Oberfläche. Was folgt, fühlt sich oft wie eine Krise an: Abgestumpfheit, Reizbarkeit, chronische Überforderung, Schwierigkeiten, den Impuls, sich um andere zu kümmern, zu regulieren, und Schuldgefühle, nicht mehr in der Lage zu sein, die emotionale Last aller anderen zu tragen.
An diesem Punkt können sich auch Beziehungen verändern. Menschen, die an die ständige Verfügbarkeit des Empathen gewöhnt waren, können gegen diese Veränderung rebellieren oder sich von ihm distanzieren. Das kann dazu führen, dass der Empath zwischen seiner eigenen Heilung und Schuldgefühlen gegenüber der Außenwelt hin- und hergerissen ist.
Und dennoch: Das, was die sensible Seele des Empathen für einen Zusammenbruch hält, ist in Wirklichkeit ein Segen – und ein Ausweg.
Der Schlüssel liegt darin, Wege zu finden, aus einer zwanghaften Empathie (dem Bedürfnis, gebraucht zu werden) eine bewussten Empathie (der Freiheit zu wählen). An diesem Punkt angekommen, lernt der geheilte Empath, Fürsorge zu geben, ohne zu selbst dabei unsichtbar zu werden, zu fühlen, ohne die Gefühle anderer zu absorbieren – und zu unterstützen, ohne selbst dabei zusammenzubrechen.
Von hier aus wird Empathie zu einer souveränen Handlung, nicht zu einer Überlebensstrategie und schon gar nicht zu einer Währung für Zugehörigkeit. Gesunde Empathie zeichnet sich nicht dadurch aus, dass der Empath emotional verhärtet oder weniger fühlt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass er seine Empathie bewusster, selektiver, geerdeter und damit klarer und differenzierter auslebt, ohne sich selbst dabei zu vernachlässigen.
Die Perle in der Muschel
Empathie ist eine wunderbare und doch anspruchsvolle menschliche Fähigkeit; eine Mischung aus Resonanz, Verständnis und mitfühlendem Handeln, geprägt von unserer Psychologie und unserem Nervensystem. Wenn sie mit gesunden Grenzen praktiziert wird, ermöglicht sie es uns, mit anderen in ihrer Tiefe zu sitzen, ohne darin zu ertrinken. Wenn sie jedoch von alten Mustern, übermäßiger Verantwortung oder dem Bedürfnis, gebraucht zu werden, angetrieben wird, wird sie neuronal sehr kostspielig. Der Empath verfällt in eine Überlastung seiner Emotionen und seines Nervensystems, oft ohne es zu merken.
In ihrer geheilten Form ist Empathie zugleich fürsorglich und bewusst. Sie gibt, ohne zu verschwinden, sie spürt, ohne zu absorbieren, sie unterstützt, ohne sich selbst aufzuopfern. Sensibilität ist nun keine Überlebensstrategie mehr, sondern wird zu einer Quelle der Stärke und Resilienz.
Und genau diese geerdete, bewusste Empathie ist es, die unser Arbeitsumfeld, unsere Beziehungen und unsere Gesellschaft am meisten braucht.
Wie Coaching unterstützen kann
Coaching bietet etwas, das Empathen sich selbst selten erlauben: einen bewussten, sicheren Raum für eine Rückführung ihrer Energie zu sich selbst, und damit für eine nachhaltige Verbindung mit den eigenen Ressourcen. Es hilft ihnen zu verstehen, wo ihre Empathie nicht nur die anderen, sondern auch ihr eigenes Leben bereichert und wo sie es still und leise erschöpft.
Empathie gedeiht, wenn unser Nervensystem reguliert ist, und bricht zusammen, wenn wir erschöpft sind. Im Coaching lernen Empathen genau das: bewusst zu entscheiden, wohin ihre Energie fließt und wann ein gesundes Nein die liebevollste und ehrlichste Antwort von allen ist. Durch neurowissenschaftlich fundierte Praktiken, somatisches Bewusstsein, traumainformierte oder polyvagale Übungen stärkt Coaching die Fähigkeit, das eigene Nervensystem besser zu regulieren, emotionale Grenzen zu erkennen und Intuition von Verantwortung zu trennen.
Coaching hilft zu realisieren, dass Empathie eine kostbare Gabe ist, und keine unerschöpfliche Ressource. Es bietet Empathen einen Raum, in dem sie ihre eigene Stimme wieder hören können.
Meine Bücher des Monats
The quiet revenge of the empath (Aria Rodman, 2025)
The Healed Empath: The Highly Sensitive Person’s Guide to Transforming Trauma and Anxiety, Trusting Your Intuition, and Moving from Overwhelm to Empowerment (Kristen Schwartz, 2022)
The Genius of Empathy: Practical Skills to Heal Your Sensitive Self, Your Relationships, and the World (Judith Orloff, 2024)




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